Hörstücke:

Die Friedliche Revolution in Neustadt an der Orla

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Der 9. November und die Wiedervereinigung

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Die Schweinemastanlage – Umweltkampf nach der Wende

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Der Kampf um die Umgehungsstraße

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Transformations- und Umbruchszeit in Neustadt an der Orla

Die Jahre zwischen 1989 und Mitte der 1990er Jahre waren für Neustadt an der Orla von tiefgreifenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen geprägt. Die Friedliche Revolution und das Ende der SED-Herrschaft bildeten dabei den Ausgangspunkt eines umfassenden Transformationsprozesses, der weit über die Grenzöffnung im November 1989 hinausreichte.


Aus einer zunehmenden Unzufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger mit den politischen und gesellschaftlichen Einschränkungen der SED-Herrschaft entwickelte sich 1989 die Friedliche Revolution in der DDR. Einschränkung der Meinungs- und Reisefreiheit, die Tätigkeit der Staatssicherheit sowie eine allgemeine Unzufriedenheit mit dem SED-Regime führten dazu, dass sich immer mehr Menschen mit Forderungen nach fairen und freien Wahlen, mehr Reisefreiheit und anderen demokratischen Veränderungen mobilisierten. (Schönfelder 2006: 13) Ausgehend von den Montagsdemonstrationen in Leipzig weitete sich die Protestbewegung zunehmend auf die gesamte DDR aus. Die Proteste beschränkten sich dabei nicht auf die großen Städte, auch in Kleinstädten wie Neustadt an der Orla kam es zu Protesten. Mit zehn Demonstrationen und rund zwanzig Friedensgebeten entwickelte sich die thüringische Kleinstadt zu einem wichtigen Schauplatz der Wendezeit. (ebd.: 11f.)


Neben den allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Belastungen prägten auch regionale Probleme die Lebensbedingungen in Neustadt. Dazu gehörten insbesondere die Umweltbelastungen durch die Schweinemastanlage und der Zustand der Innenstadt. (Schönfelder 2006.: 17f.). Die zunehmende Unzufriedenheit wurde durch die gefälschten Wahlergebnisse der Kommunalwahlen im Mai 1989 weiter verstärkt (ebd.: 285). Bei vielen Bürgerinnen und Bürgern entstand dadurch der Eindruck, dass ihre Interessen und politischen Anliegen nicht berücksichtigt werden (ebd.: 35f.).


In der gesamten DDR begannen Menschen, vor allem Jugendliche, sich aus dieser Unzufriedenheit heraus zu mobilisieren (Schönfelder 2006: 20). Im September 1989 wurde in Berlin die Bürgerbewegung „Neues Forum“ gebildet, die sich ausdrücklich an den politischen und gesellschaftlichen Anliegen der Bevölkerung orientierte (ebd.: 45). Auch in Neustadt an der Orla wurden die Menschen immer mutiger, es gab eine Unterschriftenliste mit der man seine Unterstützung für das Neue Forum kundtat (ebd.: 48).


Dabei entwickelte sich insbesondere die Kirchengemeinde zu einem wichtigen Ort des Austauschs und der politischen Vernetzung. In der DDR, wo die Angst vor Repressionen groß war, bot die Kirche als unabhängig organisierte Institution einen geschützten Raum, in dem die ersten Friedensgebete mit darauffolgenden Demonstrationen geplant und stattfinden konnten. (Schönfelder 2006: 18–20) Auch die Neustädter Kirche und der Jungpfarrer Peter Tanz halfen bei der Mobilisierung der Bürgerinnen und Bürger (ebd.: 48).


Im Oktober 1989, nach den ersten Montagsdemonstrationen in Leipzig, begann auch das Neue Forum in Neustadt an der Orla Aktionen zu planen (Schönfelder 2006: 50). Am 12. Oktober kam es in der Stadtkirche zum ersten Friedensgebet der Jungen Gemeinde und dem Neuen Forum. Ab diesem Zeitpunkt fanden jeden Donnerstag Friedensgebete in Neustadt statt, die zunehmend mehr Menschen anzogen und an Mobilisierungskraft gewannen. (ebd.: 63–70) Im Mittelpunkt standen Menschenrechte, demokratische Forderungen nach Reisefreiheit oder freien Wahlen (ebd.: 75). Am 26. Oktober kam es im Anschluss an das Friedensgebet zur ersten friedlichen Demonstration. Schweigend liefen 600 Bürgerinnen und Bürger dabei mit Kerzen und Transparenten durch die Innenstadt. (ebd.: 75f.)


Zunehmend gewann diese Bewegung an Anklang, und es kam zu offiziellen Gesprächen mit SED-Funktionären in Neustadt, die sich die Forderungen anhörten. (Schönfelder 2006: 105) Die dritte Demonstration in Neustadt fand am 9. November 1989 statt, dem Tag des Mauerfalls (ebd.: 128). Mit der Grenzöffnung war zwar ein zentrales Ziel der Protestbewegung erreicht, der politische Wandel setzte sich jedoch fort und in den folgenden Monaten wurden die politischen Strukturen vor Ort neu geordnet. In mehreren Sitzungen des Runden Tisches kamen Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Parteien und neu entstandener politischer und gesellschaftlicher Gruppen zusammen, um gemeinsam über die anstehenden Aufgaben und die weitere Entwicklung der Stadt zu beraten. Bis zu den ersten freien Kommunalwahlen im Mai 1990 wurde der Runde Tisch damit zu einem wichtigen Instrument des politischen Übergangs. (ebd.: 289)


Für viele Neustädter waren mit der Grenzöffnung bei weitem nicht alle Probleme gelöst. Ein zentrales Thema blieb weiterhin die Schweinemast und -zuchtanlage. Mit 170.000 Schweinen war sie die zweitgrößte der DDR und verursachte durch die produzierten Emissionen massive Umweltschäden. Rund um die Anlage starben Bäume ab und das Trinkwasser wurde belastet. (Schönfelder 2006: 26) Schon Mitte der 1980er-Jahre hatte sich eine Gruppe Umweltaktivistinnen und -aktivisten dafür eingesetzt, die Anlage zu schließen, jedoch ohne Erfolg (Schönfelder 2012: 80). Auch während der friedlichen Revolution 1989 wurde die Forderung nach einer Schließung zwar immer wieder formuliert, allerdings hatten andere Themen mehr Wirkungskraft. So wurde auch nach den ersten freien Kommunalwahlen im Mai 1990 erneut für die Schließung der Schweinemastanlage und eine Alternativnutzung demonstriert und eine Sitzblockade organisiert. Unter diesem Druck wurde schließlich beschlossen, die Anlage zu schließen. 1992 wurde sie an einen Bauunternehmer verkauft, der daraus ein Gewerbegebiet errichten wollte (ebd.: 80–85)


Ein weiteres Anliegen, das Neustadt über Jahre hinweg verfolgte, war der Bau einer Umgehungsstraße, der auch während der Friedlichen Revolution nicht durchgesetzt werden konnte. Die Bundesstraße führte mitten durch die Innenstadt, welche insbesondere nach der Grenzöffnung nun noch mehr befahren wurde. (Schönfelder 2012: 160) Ein zentrales Thema während der Transformationszeit war die Stadtsanierung, da durch die vielen Abgase, aber auch die fehlende Investition in Renovierungsarbeiten, heruntergekommene Häuser das Stadtbild prägten (ebd.: 152). Dabei spielte der Bau der Umgehungsstraße eine maßgebliche Rolle und wurde ab 1990 wiederholt diskutiert. (ebd.: 154) Auch hier mobilisierten sich die Bürgerinnen und Bürger nach der Friedlichen Revolution weiterhin, um ihre Forderung nach einem Umbau durchzusetzen. Dabei war besonders der Demonstrationszug und die Sitzblockaden im November 1991, an denen sich mehr als 2.000 Menschen beteiligten besonders bemerkenswert. (ebd.: 161f., 165) Im Januar 1992 wurde schließlich die Entscheidung getroffen, die Bundesstraße in den Süden der Stadt zu verlegen und 1994 begannen die Bauarbeiten (ebd.: 164, 166).

Das Beispiel Neustadt an der Orla verdeutlicht, dass die Friedliche Revolution mit der Grenzöffnung im November 1989 nicht einfach abgeschlossen war. Die während des Umbruchs entstandene politische Teilhabe wirkte auch in den folgenden Jahren fort und ermutigte die Bürgerinnen und Bürger, sich weiterhin für ihre Interessen einzusetzen und dabei auch unkonventionelle Protestformen wie Sitzblockaden zu nutzen. Besonders deutlich zeigt sich dies im jahrelangen Ringen um die Schließung der Schweinemastanlage und im Kampf um eine Umgehungsstraße. (Schönfelder 2012: 255)


Gleichzeitig verlief dieser Transformationsprozess nicht ohne Spannungen. Die anhaltende Mobilisierung verdeutlicht damit zwar die Wirkung der Friedlichen Revolution über den politischen Umbruch hinaus, zeigt zugleich aber auch ihre Grenzen: Nicht alle fanden sich im neuen politischen und gesellschaftlichen System wieder oder fühlten sich von diesem ausreichend verstanden. (ebd.: 258) Bis 1994 waren die neuen politischen Strukturen, Parlamente und Institutionen schließlich weitgehend etabliert und eingearbeitet, sodass zumindest die unmittelbare Transformationsphase als weitgehend abgeschlossen gelten konnte (ebd.: 259).


Literatur:

Schönfelder, Jan (2006): Kirchen, Kerzen Kommunisten. Die demokratische Revolution in Neustadt an der Orla 1989/90. 2. Auflage. Weimar: Hain Verlag.

Schönfelder Jan (2012): Aufbruch nach Deutschland. Politische Weichenstellung in Neustadt an der Orla 1990-1994. Jena: Vopelius.

Transformations- und Umbruchszeit in Neustadt an der Orla

Titel des Hörstücks

Gesamtschule Musterstadt

4 Schülerinnen und Schüler

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Gesamtschule Musterstadt

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Zeitzeuge / Zeitzeugin

Dr. Jan Schönfelder

Zeitzeuge, geboren 1975 in der DDR

An der Friedrich-Schiller-Universität Jena studierte er Neuere Geschichte, Kunstgeschichte und Germanistische Literaturwissenschaft. Aus seiner Promotion gingen die beiden Publikationen „Kirche, Kerzen, Kommunisten. Die demokratische Revolution in Neustadt an der Orla 1989/90“ sowie „Aufbruch nach Deutschland. Politische Weichenstellungen in Neustadt an der Orla 1990–1994“ hervor. Seit 1999 ist Schönfelder für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) tätig und arbeitet dort für Fernsehen, Radio und Online-Angebote.

Zeitzeuge / Zeitzeugin

Dr. Jan Schönfelder

Zeitzeuge, geboren 1975 in der DDR

An der Friedrich-Schiller-Universität Jena studierte er Neuere Geschichte, Kunstgeschichte und Germanistische Literaturwissenschaft. Aus seiner Promotion gingen die beiden Publikationen „Kirche, Kerzen, Kommunisten. Die demokratische Revolution in Neustadt an der Orla 1989/90“ sowie „Aufbruch nach Deutschland. Politische Weichenstellungen in Neustadt an der Orla 1990–1994“ hervor. Seit 1999 ist Schönfelder für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) tätig und arbeitet dort für Fernsehen, Radio und Online-Angebote.